Mangelernährung in Deutschland – insbesondere im Alter

Statement von RA Erhard Hackler, Geschäftsführender Vorstand Deutsche Seniorenliga e.V., auf der Optimal Nutritional Care for All (ONCA)-Konferenz, 3. u. 4.11.2015 in Berlin

Die Deutsche Seniorenliga (DSL e.V.) hat schon vor einem Jahrzehnt eine „Allianz gegen Mangelernährung“ initiiert, weil in Deutschland und europaweit völlig unzureichend wahrgenommen wird, dass ein erheblicher Bevölkerungsanteil mit bestimmten Krankheitsbildern oder in besonderen Lebenssituationen fehl-oder mangelernährt ist; und dies obwohl er sich teilweise in ärztlicher Behandlung befindet.

Geriatrische Chefärzte berichten uns ihre „Härtefälle“ – Schlaganfälle, Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankte – und gehen im Schnitt davon aus, dass 50 % ihrer Patienten schon unterversorgt zu ihnen kommen. Jeder zweite bis fünfte Krankenhauspatient leidet an Mangelernährung, und nach Schätzung des medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Deutschen Krankenkassen zeigten schon 2011 rund 1,6 Millionen der 19,4 Millionen über 60jährigen deutliche Symptome chronischer Mangelernährung. 1,3 Millionen lebten davon zu Hause und 330.000 in Pflegeheimen.

Wenngleich nach dem vierten MDS-Pflege-Qualitätsbericht vom Januar dieses Jahres die Versorgungsqualität in Pflegeheimen und im ambulanten Pflegedienst besser geworden sein soll, verzeichnet dieser bei 146.000 Untersuchten immerhin einen „erheblichen Gewichtsverlust“ bei 7,6 % der Betroffenen.

Ein Blick nach Europa zeigt, dass krankheitsbedingte Mangelernährung ein ernstes Problem der Volksgesundheit darstellt und ca. 20 Millionen Bürger betroffen sind (Ljungqvist, 2010, the European fight against malnutrition).

Es darf nicht weiter hingenommen werden, dass die durch Mangelernährung verursachten Zusatzkosten für das Gesundheitssystem allein in Deutschland rund 9 Mrd. Euro (Krankenhaus, 5 Mrd.; Heim und Pflege, 2,6 Mrd.; ambulant, 1,4 Mrd.) betragen.

Selbst wenn man bis 2020 von einer deutlichen Verlagerung von Behandlungen vom stationären in den ambulanten Bereich ausgeht, erhöhen sich die durch Mangelernährung zusätzlich verursachten Kosten auf 6 Mrd. Euro. Bei bestimmten Krankheiten beträgt der Anteil mangelernährter Patienten bis zu 60 %, und da diese mit erhöhter Morbidität und längerer Verweildauer assoziiert ist, verursacht Mangelernährung Schätzungen zu Folge allein in der EU Kosten von 120 Mrd. Euro pro Jahr! (Hajjar, 2004, Malnutrition in Aging. The Internet Journal of Geriatrics and Gerontology).

Bei der Leistungserbringung müssen bessere und praktisch handhabbare Messinstrumente und -methoden Standard werden. Es gilt, die Ernährungssituation als Teil der Anamnese und im Qualitätsmanagement zwingend zu etablieren.
Im Bereich der Leistungserbringer sehe ich ein stark nachbesserungsbedürftiges Problembewusstsein, weil diese die Ernährungsmedizin und potentiell positive Effekte systematischer Ernährungstherapien nur vereinzelt, beziehungsweise in Ansätzen nutzen.

Standardisierte Fragebögen haben sich als aussagekräftige, einfache und zuverlässige Tests zur Risikoabschätzung bewährt. Sie müssen zwingender Bestandteil der Diagnostik und Grundlage für weitergehende medizinische Untersuchungen sein. So sind bei Verdacht auf spezifische Nährstoffdefizite Blutuntersuchungen zur Abklärung angezeigt. Zur weiteren Beurteilung des Ernährungszustandes sollten Verlaufsmessungen durchgeführt werden, die mögliche Veränderungen dokumentieren. Dazu gehören die regelmäßige Gewichtskontrolle und die Bestimmung des Body-mass-Index.

Durch ganzheitliche Therapieeinsätze lassen sich nachhaltige klinische Verbesserungen, Lebensqualitätsgewinn und erhebliche gesundheitsökonomische Effekte erzielen.

So kann insbesondere in der Viszeral-Chirurgie, bei krebskranken und bei Älteren die Anwendung von Trinknahrung deutliche Vorteile für den Patienten bewirken. Auch können durch eine qualifizierte Information und Einbeziehung der Patienten diese und ihre Angehörigen ernährungsrelevante Maßnahmen ergreifen, die ihr stationäres und ambulantes Umfeld und ihre Lebensqualität verbessern.

Die DSL engagiert sich dafür, das gesellschaftliche Bewusstsein für Mangelernährung und Ernährungstherapie durch Öffentlichkeitsarbeit wirkungsvoll zu stärken.

Als DSL haben wir zur Ergänzung der „Allianz“ eine eigene Kampagne „Mangelernährung im Alter“ mit einer dreijährigen Laufzeit bis 2008 durchgeführt. Folgende Daten und Fakten belegen die Wirksamkeit und Notwendigkeit einer solchen Aufklärungskampagne, die wir gerne mit themenassoziierten Partnern fortführen möchten:

Nach einer Aktualisierung unserer Informationsmaterialien können wir mit freundlicher Unterstützung der Medien unsere Pole-Position wieder erreichen.