Mit Bewegung gegen den Dauerschmerz

Bonn, 05.11.12 Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil fast jeder Schmerztherapie. Die Krux ist aber: Wie soll man in Bewegung bleiben, wenn jeder Schritt, jeder Handgriff wehtut? Wo Ärzte früher auf Schonung setzten, empfehlen sie heute oftmals genau das Gegenteil: Bewegung als wichtigen Pfeiler der Behandlung chronischer Schmerzen. Zahlreiche Untersuchungen haben bestätigt, dass körperliche Aktivität sehr viele Schmerzen nicht nur lindern, sondern diesen auch vorbeugen kann.

Bewegung regt den Stoffwechsel an, schmiert die Gelenke, löst Verhärtungen und Verspannungen. Trainierte Muskeln wirken unnatürlichen Schonhaltungen entgegen und verhindern so, dass es an den Gelenken durch die ständige Fehlbelastung zu schmerzhaften Verschleißerscheinungen kommt. Doch körperliche Aktivität kann noch mehr: Ein Körper, der in Bewegung ist, baut Stress ab und schüttet schmerzlindernde „Glückshormone" aus. Eine aktuelle Studie1 hat sogar gezeigt, dass Bewegung die Schmerzschwelle heraufsetzt. Wer regelmäßig Sport treibt, spürt Schmerzen nicht so intensiv wie körperlich inaktive Personen.

Schmerz muss erst einmal erträglich werden

Viele Schmerzpatienten fühlen sich mit dem Ratschlag überfordert, sich so viel wie möglich zu bewegen. Wer es vor Schmerzen kaum aushält, dem fehlen oftmals Lebensfreude und Antriebskraft. Aus Sorge, eine falsche Bewegung zu machen oder sich zu überlasten, meiden die Betroffenen körperliche Betätigung. „Damit sich die Patienten wieder bewegen können, muss der Schmerz zunächst auf ein erträgliches Maß reduziert werden", erklärt Privatdozent Dr. med. Matthias Schuler, Experte für Alters- und Schmerzmedizin am Diakoniekrankenhaus Mannheim. „Wirksame Schmerzmedikamente in Kombination mit physikalischen Maßnahmen wie Massage oder Akupunktur sind oftmals die Voraussetzung dafür, dass Bewegung überhaupt wieder möglich wird." Erst dann kann ein Patient wieder zu regelmäßiger, dem Gesundheitszustand angepasster körperlicher Aktivität motiviert werden.

Nicht einfach drauflos

Gerade am Anfang ist eine professionelle Betreuung für chronische Schmerzpatienten wichtig. Im ersten Schritt eignet sich daher eine ärztlich verordnete Bewegungstherapie, beispielsweise Ergotherapie, Krankengymnastik, gezieltes Kraft- oder Gleichgewichtstraining. Das Bewegungsprogramm kann auf zwei Arten gestaltet werden: 1. Der Patient verfolgt nach einem individuellen Trainingsplan ein konkretes Ziel, etwa zwei Treppenabsätze zu überwinden oder hundert Meter zu gehen. 2. Der Patient übt unter Anleitung genau die Aktivitäten, die für ihn bislang besonders schmerzhaft waren, etwa das Bücken. Darüber hinaus sollte jeder Patient auch im Alltag körperlich aktiv werden. „Dabei darf die Freude an der Bewegung nicht zu kurz kommen", rät Schuler, „andernfalls geben die meisten Menschen mit oder ohne Schmerzen nach kurzer Zeit wieder auf." So eignet sich für ältere Personen, die aus Angst vor Stürzen lieber nicht „walken" möchten, ein fachlich betreutes Trainingsprogramm an Kraftgeräten. Wer sich im Badeanzug unwohl fühlt, kann anstelle von Wassergymnastik einen Tai-Chi-Kurs ausprobieren. Nicht jeder treibt gerne Sport in der Gruppe – dann tut es vielleicht auch der tägliche Spaziergang mit dem Enkelkind. „Schmerzpatienten sollten nicht einfach drauflos trainieren, sobald es ihr Gesundheitszustand zulässt. Besser ist es, gemeinsam mit dem betreuenden Arzt etwas Passendes zu finden. So sind die Chancen am besten, dass der Sport Körper und Seele auch langfristig gut tut", sagt Schuler.

Weitere Informationen für ältere Menschen mit Schmerzen und zahlreiche praktische Tipps für den Alltag enthält die Broschüre „Chronischer Schmerz im Alter". Sie wird von der Deutschen Seniorenliga herausgegeben und kann kostenfrei auf dem Postweg, telefonisch oder im Internet angefordert werden: Deutsche Seniorenliga e.V. (DSL), Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn; www.dsl-chronische-schmerzen.de, Bestell-Hotline 01805 – 001 905 (0,14 Euro/Min aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise abweichend).